Sehr geehrter Herr Pascal Alter !
Neun Tage nur, dann trifft die deutsche Nationalmannschaft in ihrem ersten WM-Gruppenspiel auf Portugal. Freunde fragen mich in letzter Zeit häufig, wie weit die Elf von Joachim Löw wohl kommen wird. Ob sie den Titel gewinnen kann. Da ich ein eher pessimistischer Mensch bin, antworte ich: "Ausgeschlossen. Spätestens im Viertelfinale ist Schluss." Beliebter macht mich das nicht. Mein Kollege Jörg Kramer, der aus Brasilien über die deutsche Mannschaft berichten wird, wagt keine Prognose, ist aber optimistischer. Zum siebten Mal reist er als Journalist zu einer Weltmeisterschaft, und für diese Ausgabe hat er gemeinsam mit Alexander Osang den Bundestrainer interviewt. Joachim Löw erklärt im SPIEGEL-Gespräch, warum er im defensiven Mittelfeld auf Sami Khedira vertraut, obwohl der nach einem Kreuzbandriss noch nicht fit ist. Und er erläutert, warum viel Ballbesitz nicht unbedingt die angemessene Taktik in Brasilien sein muss: Löw will mit Überfällen zum Erfolg kommen. Nach dem Lesen dachte ich: Der Mann weiß, was er tut. Ich bin gespannt, ob meine Vorhersage eintrifft.
Wäre ich Amerikaner, würde ich die Demokraten wählen. Ich war froh, als Bill Clinton 1993 Präsident der USA wurde, ich mochte ihn, weil er nicht perfekt ist. Nun ist seine Frau Hillary der Star der Partei, in zwei Jahren stellt sie sich möglicherweise zur Wahl. Unser Washington-Korrespondent Marc Hujer beschreibt in seinem Porträt, wie sich Hillary Clinton politisch befreit hat von ihrem Mann. Sie besitzt nicht jene Leichtigkeit, die Sympathie auslöst, aber nach den Enttäuschungen unter Barack Obama wächst in der Bevölkerung der Wunsch nach Verlässlichkeit und Sachlichkeit. Hujer zeichnet das Bild einer Frau, der es - als erster Präsidentin der Vereinigten Staaten - vor allem um ihr Land gehen könnte. Und nicht um sich selbst.
Ich höre gern alternative Musik; mit dem Einheitsbrei, der im Radio läuft, kann ich wenig anfangen. Wenn es Ihnen ähnlich geht, sollten Sie den Text lesen, den unser Musikexperte Tobias Rapp über Ella Yelich-O Connor geschrieben hat, die unter ihrem Künstlernamen Lorde bekannt ist. Die Neuseeländerin hat mit "Pure Heroine" ein außergewöhnliches Debütalbum veröffentlicht, alle Texte schrieb sie selbst. Es geht Lorde nicht um die Show: Sie möchte, dass man ihr zuhört. Und das lohnt sich.
Mein ältester Sohn ist acht Jahre alt, zum ersten Mal werde ich mir mit ihm eine Fußball-WM im Fernsehen anschauen; zumindest die Spiele, die um 18 Uhr beginnen. Ich bin mir nur noch nicht sicher, wie ich das mit dem Ton mache. Am besten wäre es, ihn ganz abzudrehen - mir spricht nämlich der Autor Jürgen Roth aus der Seele, der im Interview mit Isabell Hülsen aus dem Medienressort sagt: "Das aseptische, plastinierte Erregungsgebahren, das Fußballreporter heute an den Tag legen, ist eine Tortur." Der Sprachkritiker, der zehn Bücher über Fußball geschrieben hat, entlarvt die Sprüche der Kommentatoren als Füll- und Verpackungsmaterial, und er hält die Interviews direkt nach dem Abpfiff für "eine Demütigung für alle Beteiligten". Dass Spieler wie Mario Götze seiner Meinung nach wirken, "als seien sie noch nie auf einen eigenen, abwegigen Gedanken gekommen" - geschenkt, auch wenn s stimmt. Götze soll nicht reden. Götze soll Tore schießen. Mir würde das reichen.
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre und eine erfolgreiche Woche
Maik Großekathöfer
SPIEGEL-Redakteur
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